Der Erdrutsch

Jugendkrimi

Paul (15) und Johan (14) treffen sich schon seit einigen Jahren immer wieder in den Ferien mit ihren Familien in einem kleinen Süditoler Dorf. Paul ist ein Draufgänger, der mit coolen Geschichten um sich wirft, Johan hingegen ist ruhig und zurückhaltend. Sie stellen jedoch bald fest, dass sie einiges gemeinsam haben und lernen sich neu kennen. Sie kommen sich langsam näher, bis sie beinahe von einem Erdrutsch verschüttet werden.

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Kapitel 1

Ein dumpfer Knall erschütterte den Berg. Er war nicht laut, aber in den oberen Regionen doch deutlich zu spüren. Eine leichte Erschütterung, gefolgt von einer Druckwelle, die sanften Schmerz in den Ohren verursachte. Danach setzte die langsame Bewegung nach unten ein. Der Hang löste sich wie in Zeitlupe. Er rutschte einfach weg. Steine, Erde, Felsen – der Hang floss fast wie Wasser den Berg hinab. Dabei nahm die Masse auf dem Weg alles mit, was ihr in die Quere kam. Es hatte in den letzten Wochen nicht geregnet, dadurch war der Boden ausgetrocknet. Die Erde zerbröselte bei jeder Berührung, sie konnte durch nichts aufgehalten werden. Wenige Bäume stellten sich dem Strom in den Weg, boten keinen Widerstand. Die Abwärtsbewegung wurde immer schneller, die Gewalt immer reißender. Erst war es ein leichtes Grummeln, das nach und nach anschwoll. Die Erde bebte sacht. Eine Staubwolke stieg auf. Sie war zunächst kaum zu sehen. Die Bewegung wurde schneller, gewaltiger, bedrohlicher. Das Grummeln wurde zu einem Beben. Der gesamte Berg begann zu vibrieren. Vögel stoben auseinander, wütende Warnrufe ausstoßend. Eine gurgelnde Masse aus Geröll, gemischt mit Erde und Baumstämmen, wälzte sich den Berg hinab. Sie begrub alles unter sich. Dabei bewegte sie sich auf den Hof zu. Sie musste es hören. Und spüren. Aber es war zu spät. Zuerst waren es einzelne Steine und Felsbrocken, die das Dach trafen. Sie durchschlugen ein Fenster, dann zwei, drei … Danach kam die Welle. Mit unglaublicher Wucht prallten die Geröllmassen auf die Gebäude. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als ließen sie sich aufhalten. Felsen und Erde stürzten herab. Sie schossen an dem Haus vorbei. Ein Holzschuppen wurde niedergerissen. Das Hauptgebäude gab nach – es hielt dem Druck nicht Stand. Es rutschte mit einer leichten Linksdrehung den Berg hinab, stürzte dabei in sich zusammen. Ein Quietschen und Kreischen begleitete das Geschehen. Das Getöse war ohrenbetäubend. Etwa hundert Meter rutschten die Trümmer des Hauses im Zeitlupentempo den Hang hinab, dann kam die Bewegung zum Stehen. Der Strom beruhigte sich, das Haus hatte genügend Widerstand geleistet. Bei den Bäumen unterhalb der Pension war die Lawine zum Stillstand gekommen. Dort, wo sich vorher noch das Haus und ein Parkplatz mit den Autos befunden hatten, lagen jetzt nur noch Trümmer und Geröll. Eine gewaltige Staubwolke hatte sich majestätisch erhoben und verdunkelte die Sonne. Drei Gestalten standen in einiger Entfernung und beobachteten das Spektakel aus sicherer Entfernung. Dann wurde es still. Unheimlich still.

Kapitel 2

Johan saß mit Nils an einem der weißen Tische, ganz vorne in der Klasse, mit dem Rücken zum milchig verfärbten Fenster, das sich nur einen Spalt weit kippen ließ. Das Gebäude war in den siebziger Jahren gebaut worden: Grau verfärbter Beton beherrschte alles, die Fenster waren nie ausgetauscht worden, der Fußboden war mit einem ekeligen dunklen Teppich ausgelegt, der sich schon lange nicht mehr vernünftig reinigen ließ. Etwa 25 Mitschüler saßen an den anderen Tischen. An den Wänden hingen Poster von Popstars und Schauspielern.
„Ich treffe mich heute Abend mit den anderen am Brunnen. Bist du dabei?“ Nils bemühte sich zu flüstern. Aber ihr Geschichtslehrer wusste ganz genau, auf wen er zu achten hatte.
„Nils, was gibt es denn da zu tuscheln? Wenn du dich schon die ganze Zeit mit anderen Dingen beschäftigst, dann halte bitte nicht auch noch Johan vom Unterricht ab.“ Diese Bemerkung ärgerte Johan. Er guckte auf die Block vor sich und malte Strichmännchen darauf.
„Aber ich habe doch gar nichts gemacht. Ich habe Johan nur gefragt, wie das Misstrauensvotum im Bundestag funktioniert.“
„Na, dann sag mir doch mal, was er dir geantwortet hat.“
„Na, die Antwort habe ich ja noch nicht bekommen, weil Sie uns unterbrochen haben.“ Breit grinsend saß er neben Johan und blickte den Lehrer an. Stille beherrschte den Raum und kroch in alle Gehirne und Ohren.
„Nun, dann muss ich mich wohl an deinen Nachbarn wenden. Johan, erklär´ Nils doch bitte, wie die Vertrauensfrage abläuft.“ Am liebsten wäre Johan im Boden versunken. Aus den Augenwinkeln konnte er die anderen feixen sehen. Vor allem Johannes, sein größter Feind, grinste breit.
Als es klingelte, blieb Johan zunächst sitzen. Nils sprang sofort auf und rannte aus dem Raum. Der Lärmpegel stieg ins Unermessliche und Johan musste pinkeln. Also stand auch er langsam auf. Er ging aus der Klasse und wollte gerade auf die Toilette zusteuern, als Nils vor ihm stand.
„Also, was ist mit heute Abend?“ fragte er.
„Ich verstehe nicht, warum der uns immer miteinander vergleicht, der Typ ist ein Idiot!“
„Ach, vergiss es. Du kannst ja nichts dafür. Wen interessiert denn schon, was der von sich gibt. Was ist mit heute Abend?“ Nils war cool, er war lässig, er kam mit allen klar und er hatte keine Probleme.
„Aber du kannst dir keine weitere Fünf erlauben. Sonst bleibst du im Sommer hängen.“ Als nächstes hätte Johan Nils angeboten, ihm zu helfen. Sie könnten gemeinsam für die anstehenden Tests lernen.
„Der Sommer ist noch weit weg. Darum kümmere ich mich doch heute noch nicht. Also, wir treffen uns um sieben am Brunnen.“ Nils machte eine Pause, bevor er weiter sprach: „Ach ja, was mir da noch gerade einfällt: Du hast doch ein Laptop mit Boxen, oder? Kann ich dir heute Abend ein paar CD´s mitbringen, die du überspielst und dann am Samstag mitbringst? Das wäre toll.“
„Klar, das kann ich machen.“
„Hei, danke. Ich geh jetzt mal raus. Bis gleich.“ Weg war er. Johan fiel wieder ein, dass er aufs Klo musste. Er ging zu den Toiletten, holte noch einmal tief Luft, öffnete die Tür und trat in den verrauchten Raum. Vier Jungs blickten ihn an und atmeten erleichtert auf, als sie Johan erkannten. Johannes war einer von ihnen.
„Ach nee, der kleine Johan. Hat dir Nils schon den Kopf zurecht gesetzt?“ Johan ignorierte den Kommentar und ging auf eine der Kabinen zu, öffnete die vollgeschmierte Tür, trat ein und schloss sie hinter sich. Abschließen konnte er nicht, das Schloss war schon seit langem kaputt.
„Hast dich wieder ganz schön eingeschleimt vorhin. Wenn ich Nils wäre, dann würde ich dich nach der Schule abpassen und dir die Meinung sagen. Aber Nils verzeiht dir ja alles.“ Johan war fertig, zog den Reißverschluss seiner Jeans hoch und versuchte, die Tür zu öffnen. Sie ließ sich nicht bewegen. Jemand lehnte von der anderen Seite dagegen. Er hörte die anderen lachen. Wie sehr er sich nach den Ferien sehnte. Zwei Wochen lang würde er Ruhe haben. Zwei Wochen lang immer dann aufs Klo gehen können, wenn er es wollte, und nicht, wenn die Meute im Vorraum es bestimmte. Immerhin hatten sie ihn in die Kabine gelassen und sie hatten ihm erlaubt, die Tür zu schließen. Jetzt musste er nur noch die Geduld aufbringen, hier auszuharren, bis sie ihn wieder gehen ließen.
„Ich glaube, Nils ist in dich verknallt.“ Jetzt brachen die Jungs vor seiner Tür in schallendes Gelächter aus. Johan lehnte sich an die Klowand. Jeder Zentimeter war mit Sprüchen vollgeschrieben. Obszöne Zeichnungen befanden sich dazwischen. Irgendwo hatte er auch einmal seinen Namen entdeckt. Mittlerweile war ihm das egal. Er konnte es eh nicht ändern.
„Was machst du eigentlich da drinnen?“ Die Tür öffnete sich einen Spalt weit. Johan überlegte kurz, ob er die Gelegenheit nutzen und seinen Fuß in den Zwischenraum schieben sollte, ließ es aber dann bleiben. „Sollen wir dich wieder raus lassen?“ Er wusste, dass die Frage nicht ernst gemeint war. Er sagte nichts, er blickte einfach an die gegenüberliegende Wand und zählte die Sekunden. Nur noch ein paar Tage, dann würde er mit seinen Eltern wegfahren.
Die Tür ging noch weiter auf. Die vier schauten ihn an. „Der sieht ja aus, als hätte er gar keine Angst.“ Johannes trat langsam in die enge Kabine. Er drängte Johan in die Ecke. Er roch unangenehm nach Rauch, Chips und Cola. Johan bemühte sich, flach zu atmen. Er blickte Peter zwischen die Augen. Zwei Wochen lang in den Alpen wandern. Frische Luft, Ziegen, vielleicht sogar Erdbeeren, die es hier noch nicht gab.
„Na, Kleiner, machst du dich über uns lustig?“ Johan konnte nichts tun, außer abzuwarten und zu hoffen, dass die Pausenklingel Mitleid mit ihm haben würde. Johannes drückte seine nach Zigaretten stinkende, schmierige Hand auf Johans Wange. Er presste seinen Kopf an die Wand. Johan hatte Schwierigkeiten, aufrecht stehen zu bleiben, denn die Kloschüssel befand sich nun direkt unter ihm. Er stand schräg, an die Sperrholzwand gelehnt. Übelkeit stieg seinen Hals hoch. Er versuchte sich abzulenken, indem er an den Urlaub dacht. Ob Paul wohl auch wieder in der gleichen Pension sein würde? Und sein Bruder. Wie hieß er doch gleich? Ach ja, Erik.
„Du solltest eigentlich ein bisschen mehr Angst vor uns haben. Wir können nämlich auch ganz anders.“ Johannes verstärkte den Druck. Mit der anderen Hand griff er Johan in den Schritt. Er drückte zu. „Du bist schmutzig, widerlich. Und ein Weichei.“ Johan durchzuckte ein dumpfer Schmerz. Er kämpfte gegen die Tränen. Nur jetzt nicht heulen. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Er schluckte seine Wut runter. Das unangenehme Gefühl im Magen verstärkte sich. Hinter Johannes konnte er die Gesichter der anderen Jungs erkennen, die ihn hämisch angrinsten. Paul interessierte sich zwar nur für Fußball, aber dennoch freute sich Johan, ihn wieder zu sehen. Paul wusste immer, was er wollte. Er tat immer genau das, worauf er gerade Lust hatte.
Die Tür zum Flur öffnete sich, jemand kam herein. Johannes ließ ihn abrupt los. Er wich ein wenig zurück. Johan guckte ihm in die Augen, konzentrierte sich auf die Pupillen. Ein letztes Mal schnellte Johannes´ Hand vor und stoppte kurz vor Johans Magen. Johan zuckte zusammen. Johannes grinste. Er zog sich zurück. Vier zufriedene Jungs verließen das Klo. Johan wartete noch einen Moment, bis er sicher war, dass sie gegangen waren. Auf dem Flur wollte er ihnen nicht noch mal begegnen. Die Übelkeit verzog sich langsam. Er kam aus der Kabine und stand einem etwas älteren Schüler gegenüber. Johan ließ kaltes Wasser über seine Handgelenke laufen. Dann spielte er mit dem Gedanken, einfach nicht mehr in den Unterricht zurück zu gehen. Der andere sah ihn nachdenklich an. Johan hatte ihn schon ein paar mal gesehen, hatte aber nie mit ihm gesprochen. Wie hieß er noch? Stefan? ja.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, wollte Stefan wissen.
„Ja, alles bestens.“ Johan stellt das Wasser ab, ging zurück auf den Flur, setzte sich in eine entfernte Ecke des Flurs und atmete tief durch. begann in einem Buch zu blättern, das er aus seiner Tasche geholt hatte. Es dokumentierte berühmte Kriminalfälle der vergangenen fünfzig Jahre. Er hatte das Buch an vorherigen Nachmittag in der Bibliothek entdeckt und war sofort gebannt von den Fotos der Mörder und Entführer, den Drohbriefen und vergilbten Dokumenten. Ganz besonders hatte es ihm ein Entführungsfall aus den 80er Jahren angetan. Immer wieder blieb Johan am Gesicht der angeklagten Frau hängen, um das Böse aus ihm herauszulesen. Aber so ganz wollte ihm das nicht gelingen.

Kapitel 3

Nun stand Paul unter der wohltuend heißen Dusche. Er mochte diesen Moment, wenn das Training vorbei war und er für einen Augenblick allein in den Waschräumen war. Er stand dann einfach unter dem strömenden Wasser. Er genoss die Ruhe. Nach und nach kamen die anderen dazu und es war vorbei mit der Stille. Sie schrieen und lachten laut, sie schlugen sich mit nassen Handtüchern und holten die letzten Energiereserven aus sich heraus. Paul machte mit. Es war eine regelrechte Schlacht, bis zur Erschöpfung. Nun wurden die taktischen Züge und Entscheidungen des Trainers kritisiert oder verteidigt, je nach dem, wer daraus Vor- oder Nachteile gezogen hatte. Das anstehende Spiel gegen eine der anderen Jugendmannschaften wurde schon jetzt für gewonnen erklärt. Alex, der größte der Gruppe, prahlte schließlich damit, ein Mädchen aus dem Jahrgang über ihnen geküsst zu haben. Jens erzählte von der Party bei einem Kumpel, wo er mit einem Mädchen in einer dunklen Ecke geknutscht hatte. Heimlich verglichen sie sich miteinander. Jedes sprießende Haar nahmen sie zur Kenntnis. Alex betonte mehrfach, dass er ununterbrochen könne und sich täglich mindestens fünfmal einen runterholte. Paul konnte seinen Blick nicht von ihm abwenden. Alex drehte sich von ihm weg, als er das bemerkte. Paul rasierte sich täglich. Nicht dass das nötig gewesen wäre, nein, aber er tat es. Das beeindruckte seine Freunde. Er wusste, dass sie hinter seinem Rücken über ihn redeten.
Erst als der Trainer in der Tür stand, kam wieder Ordnung in die Gruppe. Er scheuchte sie mit barschen militärischen Befehlen allesamt aus den Duschen. Mit nassen Haaren trotteten sie wenige Minuten später hungrig aus den Umkleideräumen über den Sportplatz und strebten dem Ausgang zu. Dort, außerhalb der Sichtweite des Trainers, konnten sie sich ihre Zigaretten anzünden. Paul nahm einen tiefen Zug. Die Zweige der Kastanien ragten weit über die Straße, erste Blätter hatten den Versuch unternommen, sich aus der Winterstarre nach Außen zu arbeiten. Regenwolken hingen tief über der Stadt, sie luden ihre feuchte Fracht wie einen feinen Nebel stetig über der kleinen Gruppe erschöpfter Jungs ab. Kaum hatte Paul dreimal an der Zigarette gezogen, da bog Carla mit ihrer Freundin um die Ecke.
„He, Carla, kommste noch mit zu mir nach Hause?“ rief er quer über die Straße. „Ich kann dir meine Briefmarkensammlung zeigen.“ Die Jungs lachten.
„Halt die Klappe.“ Carla hatte den Kopf kaum in Pauls Richtung bewegt. „Spiel dich nicht so auf, sonst lasse ich dich morgen nicht abschreiben.“ Carla schlenderte mit ihrer Freundin weiter die Straße entlang und verschwand um die nächste Ecke.
„Gib mir mal nen Kaugummi.“ Paul hatte schlechte Laune. Er steckte den minzegetränkten Streifen kommentarlos in den Mund. Bisher hatte er die Zigaretten vor seiner Mutter geheim halten können. Er nahm seine Tasche, zog den Reißverschluss seiner Jacke zu und ging los. Es war nicht weit. Er stapfte, den Kopf eingezogen, mit zügigen Schritten auf die Villa seiner Eltern zu. Vor dem Haus blieb er stehen. Sein Vater war offensichtlich noch nicht da, seine Mutter konnte er in der Küche erkennen und im Zimmer seines Bruders brannte Licht. Etwas hing in der Luft. Er spürte es wie die elektrische Spannung, am Ende eines heißen Sommertages, kurz bevor sich das Gewitter mit Getöse, Blitzen und einem kräftigen Regenguss entlädt.

© Stephan Martin Meyer, Köln 2009

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